Glück

Eine Short-Story von Sab Schönmayr.

Irene kam vor Erich von der Arbeit nach Hause. Sie ging sofort ins Schlafzimmer und stieg aus dem engen Kostümrock. Achtlos ließ sie ihn auf den Boden fallen und warf die Tweedjacke aufs Bett. Mit einem Seufzer schlüpfte Irene dann in die ausgebeulte Trainingshose und das zipfelige Sweatshirt. Über die hellmelierten Strümpfe zog sie flauschige Wollsocken, löste das aschblonde Haar und nahm die schweren Ohrringe ab. Dann schaltete sie den Fernseher ein und ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten.
Kurz darauf kam Erich, warf den Aktenkoffer in die Ecke, stieg in den Jogginganzug und holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank.
Bis auf ein „Das Salz, bitte“, aß das Paar den Spinat und die Spiegeleier schweigend. Es war ein normaler Arbeitstag gewesen. Es gab nichts zu erzählen. Danach bohrte Erich gedankenverloren in der Nase, während Irene ihre Brille holte, die sie in der Öffentlichkeit nie aufsetzte und sich’s mit einer Tafel Schokolade vor dem Fernseher gemütlich machte.

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Erich ließ sich zu ihr auf das Bett plumpsen und drängte sie an die kalte Wand. Irene rollte sich über seine Brust auf die andere Seite. Er griff nach ihren Hüften, doch sie kuschelte sich schnell eng an ihn und wühlte in seinem behaarten Speckbauch, der unter dem durch vieles Waschen zu kurz geratenem Shirt herausquoll. Erich strich ihr einmal übers Haar und kurz darauf hörte sie das vertraute Schnarchen. Wenn es zu laut wurde und Irene dem Krimi nicht mehr folgen konnte, schubste sie Erich in die Seite. Er lächelte im Halbschlaf, grunzte einmal und schaute schuldbewusst auf den Film. Ein paar Minuten später ging das beruhigende Schnarchen wieder los und Irene drängte sich noch enger an den leicht aufgeblähten Körper ihres Erichs. Um elf weckte sie ihn: Es war Zeit zum Zähneputzen.
Widerwillig schlurfte er ins Bad. Irene folgte ihm und setzte sich auf die Toilette, neben dem Waschbecken. Während sie Wasser ließ und dabei liebevoll dem Erich mit dem Zahnpastamund betrachtete, überkam sie ein intensiver Schauer von Glück: “Ach, wie gut wir uns doch verstehn!“, dachte sie und wischte sich den Hintern.