Kapitel 4

Lamarr im Liebestempel

Lamarr sprang in seinen Lieferwagen und knallte die Tür zu. Bevor er lospreschte warf er einen schnellen Blick auf den Zettel mit seiner Route und war enttäuscht, dass es heute wieder keine Lieferung für die Erotikboutique Shunga gab. Mit düsterem Blick zündete er sich eine Zigarette an und zog gierig daran.
Wallah, verdammt, schon seit Tagen war er nicht bei der Frau mit den roten Schuhen gewesen. Kein Paket mit Vibratoren oder Kondomen. Nur große, kleine, schwere, langweilige Pakete, die er in Läden, Firmen und Privathaushalte in Bornheim schleppte. Lamarr stöhnte angesichts der endlos langen Liste. Das wird wieder ein harter Tag und am Abend wird er zu erschöpft sein, um sich noch mit den Statikregeln für die Uni auseinander zu setzen. Am schlimmsten waren aber gar nicht die Schlepperei und das Treppensteigen. Es war die Verkehrssituation, die ihm den letzten Nerv raubte. Es war fast unmöglich für den großen Lieferwagen einen Standort zu finden, von dem aus er seine Pakete verteilen konnte, ohne einen riesigen Verkehrsstau zu verursachen. Schon wiederholt war er von ungeduldig hupenden Fahrern beschimpft worden. Sein Äußeres mit den dunklen langen Locken und den fast schwarzen Augen trug auch nicht gerade dazu bei, die Autofahrer zu beschwichtigen.
Manchmal wurde ihm wirklich alles zuviel und er verfluchte sein Leben. Der Job, das Studium und die Familie. Lamarr war das Oberhaupt seiner Familie, die aus Mutter, einem Bruder und drei pubertierenden Schwestern bestand.
Pochdeh, ich schwöre, ich lebe wie ein alter Mann, fluchte er bei sich. Dabei war er gerade mal 25. Doch letzte Woche hatte er ein wunderschönes, geiles Erlebnis gehabt, das ihn schon seit Tagen Flügel verlieh.
Beim Gedanken daran summte er fröhlich mit der indischen Filmmusik mit, die er in den Kassettenrekorder geschoben hatte.
Es war ihm das passiert, wovon er und seine Freunde immer wieder träumten. Es war vor ein paar Tagen geschehen. Das Wetter war eine Katastrophe gewesen und Lamarr hatte vor sich hingeflucht, als er den Wagen voll beladen in Offenbach in Empfang genommen hatte. Die Straßen waren glatt. Schneeregen verdüsterte die Sicht und es war so kalt, dass er beim Ausladen Handschuhe anziehen musste. Endlich in Bornheim angelangt, hatte er keine Möglichkeit gefunden, den Lieferwagen in der Nähe der Lieferadresse abzustellen. Er kurvte herum, verlor Zeit und fand endlich in einer Nebenstraße eine Parkmöglichkeit in einer Einfahrt. Schnell schleppte er das Paket für Shunga zur Bergerstraße vor und verfluchte sich, weil er die Handschuhe wieder im Wagen hatte liegen lassen und seine Fingerknöchel schon ganz weiß waren. Das sperrige Paket hatte breite rote Klebebänder mit der Aufschrift Erotic Toys. Das machte ihn neugierig.
Vor der Auslage des Geschäfts blieb er kurz stehen. Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, was das alles sein sollte, aber die Schaufensterpuppe mit dem Spitzenbüstenhalter und dem Stringtanga erregte seine Aufmerksamkeit. Und nicht nur das. Im Laden sah er eine Frau am Computer sitzen. Er öffnete die Tür und sie hob beim Ertönen eines Glockenspiels den Kopf. Sie hätte für eine Afghanin durchgehen können, war sein erster Gedanke, verwarf die Vorstellung aber schnell wieder. Eine Afghanin in einem Sexshop. Absurd. Die Chazza, die Frau, gefiel ihm sehr gut. Sie sah ein bisschen aus wie diese Spinatwerbefrau, auf die die Deutschen so abfuhren. Allerdings nicht so puppenhaft und etwas älter. Diese hier hatte karakulschafbraune, schulterlange, leicht gewellte Haare, dunkelbraune, kohlumrandete Augen und einen Mund wie Julia Roberts. Jetzt kam sie durch den Laden auf ihn zu, in einem langen Kleid mit Schlitz und in roten Schuhen. Die Absätze klapperten über den Fliesenboden, tak, tak, tak und sie schwang dabei die Hüften einladend von einer Seite zur anderen. Lamarr starrte auf die Beine in den schwarzen Strümpfen, das Dekollete, den großen Mund und konnte den Blick schließlich nicht mehr von den roten Schuhen wenden. Er bekam einen Ständer, der sich plastisch auf seiner engen, braunen Uniformhose modellierte. Stocksteif stand er da, in der einen Hand balancierte er noch immer das Paket, in der anderen das Lesegerät. Sie musterte ihn und lächelte wissend, dann glitt ihr Blick seinen Oberkörper entlang zu seinem dicken Kiki und wanderte langsam über seine kräftigen Schultern zurück zu seinem Gesicht. Er grinste verlegen. Sie schloss die Augen zu einem Schlitz, biss sich leicht auf die Unterlippe und machte eine auffordernde Bewegung Richtung einer Tür im hinteren Teil des Ladens.

Lamarr schaffte es fast unmerklich zu nicken. Die Frau zögerte keine Sekunde, packte ihn am Gürtel und zog ihn in den Laden. Auf dem Weg durch den Verkaufsraum ließ Lamarr das Paket und das Lesegerät zu Boden fallen. Ohne ein Wort zu sprechen öffnete sie mit der rechten Hand eine Tür, die linke hatte sie immer noch fest am Hosenbund von Lamarr. Sie bugsierte ihn in den Raum, es war eine kleine Küche, und lehnte ihn mit dem Rücken gegen den Kühlschrank. Langsam knöpfte sie seine Hose auf, zog mit einem heftigen Ruck gleichzeitig Hose und Slip bis unter die Knie und nahm seinen Kiki in den Mund. Pochdeh, war das geil gewesen. Lamarr merkte wie er beim Gedanken an ihre kräftigen forschenden Lippen eine Erektion bekam. Fast hätte er eine Vorfahrt übersehen.
Es war ihm das passiert, wovon er schon seit Jahren träumte. Seitdem ihm ein Bekannter, der im Hotel arbeitete, erzählt hatte, dass ihn ein Gast, eine Frau, ins Zimmer gezogen hatte, als er Roomservice machte. Sie hatte mit ihm geschlafen und ihm auch noch Geld gegeben. Aber das hier! Er schlug zufrieden auf das Lenkrad und sang lautstark vor sich hin. Seinem Freund hatte er die Geschichte nicht abgenommen, solche Storys machten doch dauernd die Runde. Aber er, er hatte nicht geträumt und die Frau mit den roten Schuhen war so süß, er bekam sie nicht mehr aus dem Kopf. Er kehrte im Gedanken wieder in den Laden zurück. Sie hatte ihm einen geblasen und ihm dann schnell ein Kondom übergestreift. Er hatte mit seinen noch von der Kälte klammen Händen in ihrem dichten, braunen Haar gewühlt. Sie ließ es geschehen und hob ihr Kleid hoch. Darunter trug sie keine Strumpfhose, wie er erleichtert feststellte. Sie hatte Strümpfe, die an den Oberschenkeln in einem breiten Spitzenstreifen endeten, darüber trug sie einen dunkelroten Spitzenslip, den sie jetzt einfach zur Seite schob, dann setzte sie sich auf den Küchentisch und zog Lamarr über sich. Lustvoll sog er ihren herbsüßlichen Duft in sich auf und stieß voller Glück zu. Die Frau schrie so laut wie er es noch nie bei einer Frau gehört hatte, wallah, so viele waren es gar nicht gewesen.
Danach löste sie sich gleich aus seinen Armen, ließ den Rock fallen und fragte ihn wie wenn nichts gewesen wäre:
„Willst du einen Kaffee oder Tee trinken?“
Lamarr stand da, mit seiner Hose und dem Slip auf den Knöcheln und sagte gar nichts. Er wusste nicht, wo hier die Toilette war und ob es ein Bad gab. Die Frau beachtete ihn nicht weiter, sie war mit einem Wasserkocher beschäftigt. Er wollte sich waschen.
„Ähh, gibt es hier … “
Da fiel ihm der Wagen in der Einfahrt ein, wallah, das gibt Ärger, die Pakete... es wurde ihm ganz heiß vor Schreck. Kurzentschlossen zog er gleichzeitig Slip und Hose über das Kondom und knöpfte die Hose zu.
Schnell ging er nach vorne in den Verkaufsraum, klaubte das Lesegerät vom Boden und hielt es der Frau hin. Sie holte einen Kugelschreiber von ihrem Schreibtisch, wo das Notebook vor sich hinbrummte und unterschrieb mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen.
„Der Tee ist gleich fertig. Ich habe auch noch Croissants, ich bin ganz schön hungrig nach der herrlichen Nummer mit dir“, lächelte sie ihn an.
Lamarr verließ wortlos den Laden und rannte zu seinem Lieferwagen. Unterwegs fragte er sich, was sie mit Nummer gemeint hatte. Wieso Nummer? Er kam gerade noch rechtzeitig, um größere Probleme abzuwenden. Neben dem Auto ging ein wütender Mann mit seinem Handy auf und ab. Als er Lamarr sah, schrie er aufgebracht:
„Da sind Sie ja endlich. Was fällt Ihnen ein, hier vor meiner Ausfahrt zu parken. Gerade wollte ich den Abschleppdienst rufen.“
Lamarr entschuldigte sich wortreich, während das Kondom, das er immer noch trug, anfing zu jucken.

Jetzt könnte er sich in den Arsch beißen, dass er die schöne Frau nicht nach ihrem Namen gefragt hatte, das war wirklich sehr unhöflich von ihm gewesen, er hatte sich auch nicht bedankt und ihr die Hand gegeben. Ein schändliches Verhalten für einen Paschtunen. Und dann hatte er noch ihr Angebot auf einen Kaffee ausgeschlagen. Er hatte die Regeln der Gastfreundschaft missachtet und ihr nicht den nötigen Respekt erwiesen. Jetzt quälten ihn deshalb schon seit Tagen Gewissensbisse. Er überlegte immer wieder, ob er sie anrufen sollte oder einfach hingehen sollte. Nein, er musste das ordentlich zurechtbiegen, er musste ein Geschenk für sie kaufen, es ihr bringen und sich in aller Form entschuldigen.
Irgendwie war er auch froh, dass er keine Lieferung für die Frau mit den roten Schuhen hatte, obwohl er schon wieder verdammt erregt war. Doch zuallererst musste er diese Schande zurechtbiegen. Dann konnte er weitersehen.

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