Lust und Frust in deutschen Betten

Interview mit dem Frankfurter Sexualmediziner Haydar Karatepe, über Lust und Frust in deutschen Betten, über Gummipuppen, die Angst des Mannes vorm Vibrator und die Zukunft des Sex in Deutschland. Dr. Karatepe behandelt und berät ín seiner Praxis in Frankfurt ausschließlich Männer. Erschienen im Lexikon der Lustmittel, Frankfurt 1999

Sab Schönmayr: Was genau ist ein Sexualmediziner?

Haydar Karatepe: Also, man muß da unterscheiden, es gibt Sexualtherapeuten und Sexualmediziner. Ein Sexualtherapeut ist ein Psychotherapeut, der sich in erster Linie mit den psychischen Aspekten der Sexualstörungen befaßt, während der Sexualmediziner in seiner Funktion als Arzt vorrangig organischeUrsachen, die für die Sexualstörungen verantwortlich sind, untersucht. Darüberhinaus darf er aber auch soziale und psychische Probleme nicht unberücksichtigt lassen.

Schönmayr: Welchen Ansatz haben Sie oder welcher Schule, Richtung gehören Sie an?

Karatepe: Einen ganzheitlichen. Mein Anliegen ist es, von der hochspezialisierten Betrachtungsweise Abstand zu nehmen, weil sie dazu führt, daß man den Mann in seiner Ganzheitlichkeit aus den Augen verliert. Gerade in der Sexualität kann man Funktionsstörungen schwer von psychischen oder sozial-gesellschaftlichen Aspekten trennen.
Ich habe auch koordinierende Funktion. Ich schicke die Männer zu Psychologen, Fachärzten, Sozialarbeitern etc. und wir besprechen das dann alles gemeinsam.

Schönmayr: Wieviel Sexualtherapeuten gibt es ungefähr in Deutschland?

Karatepe: Ich würde mal sagen circa 50. Auf jeden Fall gibt es viel zu wenig. Dann gibt es noch die Pro Familia, Männerzentren und Frauenzentren. Mediziner, die neben der Organmedizin auch die Psychotherapie in die Diagnostik miteinbinden, gibt es jedoch sehr wenig.

Schönmayr: Warum sind das Ihrer Meinung nach zu wenig?

Karatepe: Weil die Sexualität einen großen Teil unseres Lebens ausmacht und sehr viel zu unserer Lebensqualität und Zufriedenheit beiträgt. Bedauerlicherweise wird dem in vieler Form und auch in der Medizin nicht Rechnung  getragen.

Schönmayr: Warum denken Sie, daß das so ist?

Karatepe: Der Hauptgrund liegt in der Tabuisierung der Sexualität in unserer Gesellschaft. Man beschäftigt sich nicht damit, man spricht nicht darüber, man macht es nicht, und wenn doch, dann im Dunkeln. Meiner Meinung nach sind diese Erscheinungen wie S/M und Fetischismus auch eine Reaktion auf diese Doktrin im Kopf, daß man Sexualität verstecken muß, daß sie eben ein Tabu ist. Es gibt sehr wenige Menschen, die wirklich eine erfüllte Sexualität haben, die wirklich frei sind. Theoretisch ist alles erlaubt und die Medien suggerieren uns Toleranz, in der Realität jedoch, insbesondere in den eigenen vier Wänden, herrscht Un- bzw. Falschwissen vor.

Schönmayr: Aber es ja nicht verboten...

Karatepe: Im Kopf schon. Ist man persönlich betroffen, ist es plötzlich doch verboten. Dann geht es los mit dem Schlucken und den Verlegenheiten dem anderen gegenüber. Wenn mit Distanz darüber gesprochen wird, ist es kein Problem.

Schönmayr: Wer sind Ihre Klienten?

Karatepe: Querbeet, alle Alters- und Berufsgruppen. Mein ältester Patient ist 87. Das Spektrum reicht vom Bauarbeiter bis zum Kopfarbeiter.

Schönmayr: Gibt es einen Trend hin  zum Sexualtherapeuen. Oder gehen eher weniger Menschen in die Sexualtherapie?

Karatepe: Meine Erfahrung ist eindeutig dahingehend, daß ein verstärkter Zulauf stattfindet, was wohl auch daher rührt, daß Sexualstörungen in der Öffentlichkeit immer öfter thematisiert werden, daß man ohne weiteres über Erektions- oder Ejakulationsprobleme sprechen kann.

Schönmayr: Wird die Therapie von der Krankenkasse gezahlt?

Karatepe: Die normale Psychotherapie ja, aber die "Lifestyle"-Elemente der Organmedizin nicht.

Schönmayr: Mit welchen Problemen kommen die Klienten zu Ihnen?

Karatepe: Mit Erektionsstörungen, d.h. die Erektion findet nicht statt oder eine Härte ist nicht ausreichend, Ejakulationsproblemen, wie vorzeitigem Samenerguß, verzögerter Ejakulation bis hin zum totalen Ausbleiben, Libidostörungen,  Lustlosigkeit, Beeinträchtigung der sexuellen Erlebnisfähigkeit.

Schönmayr: Libidostörungen, sind doch eher etwas, was man den Frauen nachsagt?

Karatepe: Es gibt immer mehr Männer, die keine Lust haben. Das steht im Zusammenhang mit
dem wachsenden Selbstbewußtsein der Frau und dem damit einhergehendem  Selbstverständnis, ihre sexuellen Wünsche einzufordern. Solange es für den Mann unproblematisch war, ob er zu früh, zu spät oder gar nicht kam, solange die Frau nicht darüber geklagt hat, bedurfte es auch
keiner Behandlung. Formuliert sie jetzt aber ihre Unzufriedenheit, führt das zur Verunsicherung des Mannes.

Schönmayr: Wie sieht  die Therapie bei einer Libidostörung aus?

Karatepe: Zuerst mal muß man die Partnerschaft, in der der Patient sich befindet, betrachten. Es kann ja sein, daß der Mann sich aus der Beziehung zurückziehen will. Dann wird der Hormonspiegel bestimmt und gegebenenfalls das Hormon Testosteron als Pflaster oder Spritze verabreicht.

Schönmayr: Sie sprechen von mangelnder Lust im Bett, glaubt man jedoch Funk und Fernsehen, haben wir derzeit eine Gesellschaft die aus Kinderschändern, Peitschern  und Fetischisten besteht. Was ist Ihre Meinung?

Karatepe: Mit dem Bild kann man unglaublich viel Emotionen wecken und Meinungsmache betreiben. Aber ich glaube, daß das nicht der Fall ist. Ich glaube nicht, daß sich die sexuellen Extreme in letzter Zeit besonders vermehrt haben. Ich habe eher den Eindruck, daß es einfach öffentlicher wird, und daß man eher zu seinen sexuellen Praktiken steht, und daß Toleranz eingefordert wird. Aber gegeben hat es das schon immer, nur ist darüber nicht so viel gesprochen worden.

Schönmayr: Warum gibt es viel mehr Männer mit fetischistischen Neigungen als Frauen?

Karatepe: Vielleicht hängt es mit der Grundhaltung zusammen. Zum Fetischismus muß man agieren und Männer neigen eher zum Agieren als Frauen. Auch in ihrer sexuellen Rolle. Traditionell gesehen. Im Fetischismus muß man aktiv etwas bewegen und viel Energie reinstecken. Außerdem wachsen Frauen bezüglich ihrer eigenen Weiblichkeit und Sexualität in einem natürlicheren Umfeld auf, in einer vaterlosen Gesellschaft, wo die Mütter zu Hause sind, ist ein Mädchen viel besser im Verständnis der eigenen Sexualität verankert, deswegen haben auch Frauen eher eine Busenfreundin, authentische Männerfreundschaften sind eher selten.
Aus dieser Sicherheit heraus kann es auch weniger Extreme geben. Es ist nicht notwendig. Wenn ein Mensch unzufrieden ist,

« Zurück

muß er Extreme veranstalten, um einen Kick mehr an Lustgewinn zu bekommen.

Schönmayr: Ihrer Meinung nach haben es die Männer also schwerer mit ihrer Sexualität als die Frauen?

Karatepe: Ja, die Grundunzufriedenheit ist unter den Männern eindeutig höher. Sie neigen auch immer mehr dazu, extreme Sportarten zu betreiben, um sich selbst zu beweisen, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß das allenfalls ein Weg ist, die Unzufriedenheit zu kompensieren, nicht jedoch diese zu bekämpfen. Eine wirkliche Befriedigung kann hier nicht stattfinden. Ein
Mann, der ein ausgeglichenes Sexualleben führt, braucht sich keinen Extremen zu unterziehen.

Schönmayr: Extreme Sportarten extreme Praktiken im Bett. Wo steht da  S/M, ist das  ein  Zeitphänomen?

Karatepe: Wir haben keine Möglichkeit mehr, unsere devoten und aggressiven Impulse in einer adäquaten Art im zwischenmenschlichen Bereich auszuleben. Wir müssen es immer verkleiden. Ob jetzt Autofahren, Boxen gehen, Wettbewerbe machen, an der Börse spekulieren. Warum soll es nicht S/M sein?

Schönmayr: Welche Trends können Sie anhand Ihrer Erfahrung mit Klienten erkennen?

Karatepe: Der Trend geht immer mehr in Richtung Entmaterialisierung der Sexualität, d.h. die technischen Möglichkeiten, die Sexualität in den verschiedensten Facetten erleben zu können, werden zunehmend genutzt. Das Internet z.B. bietet optimale Möglichkeiten zum unverbindlichen Sex, unkompliziert, distanziert und keine Angst auslösend. Das ist viel wert. Die Zukunft wird beispielsweise auch Cybersex im Dateb-Anzug bringen, die extreme Individualisierung ist auf dem Vormarsch. Man wird unabhängig von den sexuellen Unzulänglichkeiten eines anderen Menschen.

Schönmayr: Es wird immer mehr über Sex geredet, passiert auch mehr in den Betten oder passiert immer weniger?

Karatepe: Es wird zwar mehr ausprobiert, aber ob mehr an Quantität und Intensität erlebt wird, würde ich bezweifeln. Solange die Sexualität nicht zu einer positiven Selbstverständlichkeit wird, wird das so bleiben. Solange man einfach nur verschiedene Stellungen ausprobiert und man nicht wirklich in seiner Sexualität verankert ist, wird die Vereinsamung voranschreiten.

Schönmayr: Was halten Sie von Sexspielzeug?

 Karatepe: Insofern es der Zufriedenheit und der Partnerschaft dient, ist es vollkommen in Ordnung, nur müssen beide Partner es befürworten. Piercings oder Klammern können beim Sex nämlich auch stören oder sogar schmerzen. Wenn ein Partner ein Spielzeug nicht will, der andere es aber  dennoch zum Einsatz bringt, dann ist das eine Grenzüberschreitung. Die Partner sollten sich aber bezüglich ihrer Stilbildung Gedanken machen, warum genau das Spielzeug und ist dieser Kick der Partnerschaft förderlich, oder gibt es nicht auch noch andere Möglichkeiten, um sich gemeinsam erfreuen und befriedigen zu können.

Schönmayr: Welche Lustmittel würden Sie empfehlen, wovor würden Sie eher warnen?

Karatepe: Dient ein Lustmittel ausschlißlich der sexuellen Befriedigung, ist der Einsatz unbedenklich. Wenn ein Mann einen Cockring natürlich den ganzen Tag trägt, dann ist das schädlich, weil das einen Blutstau bewirkt, der die Venenklappen schädigt. Ein Vibrator, der unphysiologisch lange zum Einsatz kommt, kann Schäden in der Vaginalschleimhaut verursachen. Auf keinen Fall sollten Gegenstände wie Flaschen anal oder vaginal, weiterhin Klammern und Kugelschreiber in die Harnröhre eingeführt werden, weil das autoaggressiv ist ein zu hohes Verletzungsrisiko beinhaltet.

Schönmayr: Was ist mit Vaccuumpumpen, da hört man auch immer wieder, daß sie gesundheitsschädigend sein können?

Karatepe: Nicht, wenn sie adäquat verwendet werden. Das heißt zum Erlangen einer Erektion, bei Erektionsschwäche. Wenn aber ein gesunder Mann sie verwendet, um seinen Penis zu vergrößern, als Enlarger sozusagen, dann ist das schädlich. Eine substantielle Vergrößerung des Penis ist nicht möglich. Man kann das Gewebe nur dehnen oder anatomisch auffälliger plazieren.

Schönmayr: Warum haben Männer Angst vor Vibratoren, warum sehen Sie sie als Bedrohung?

 Karatepe: Ein Vibrator könnte in der Phantasie als Ersatz dienen, insbesondere seine Unermüdlichkeit ist eine Bedrohung. Weiterhin sind Vibratoren nichts anderes als künstliche Penise. Das führt bei vielen Männern nicht nur zu Neid und Konkurrenz sondern auch zu homophoben Ängsten.

Schönmayr: Aber Frauen benutzen einen Vibrator weniger zur Penetration, als zur Stimulierung der Klitoris.

Karatepe: Sehr viele Männer benutzen den Penis aber weniger zum Stimulieren der Klitoris als zum Penetrieren. Selbstverständlich könnte ein Vibrator auch dem Mann beim Sex Spaß bereiten, wenn er den Vibrator z.B. zusätzlich zur Stimulation der Klitoris und seinen eigenen Penis einsetzt. Jedoch sind viele Männer in Ihrer Männlichkeit sehr fragil und kommen sich als insuffizient vor. Mit einem Konkurrenten, auch wenn er nur phantasiert ist, kann nur ein Mann gut umgehen, der in seinem Gefühl zu sich und in seiner  Sexualität gefestigt ist. Der in sich in seiner Männlichkeit gut fühlt und ein gesundes männliches Selbstbewußtsein hat. Und das ist nicht die Regel.

Schönmayr: Was halten Sie davon, wenn sich Männer mit Gummipuppen befriedigen?

Karatepe: Das ist safe.

Schönmayr: Aber warum brauchen Männer ganze Puppen, während sich Frauen mit einem Vibrator zufriedengeben?

Karatepe: Männer brauchen oft zur Aufrechterhaltung ihrer männlichen Selbstsicherheit eine Zustimmung. Eine Vagina allein gibt keine Zustimmung. Bewundert den Mann  nicht. Eine Puppe kann diese Phantasie zumindest fördern. Diese Abhängigkeit der männlichen Sexualität von der weiblichen Zustimmung ist mitunter auch der Grund für viele sexuellen Störungen bei Männern.

Schönmayr: Was halten Sie von Pheromonen? Dem körpereigenen Sexuallockstoff?

Karatepe: Werden in der Zukunft bestimmt eine ganz große Rolle spilen. Das Phantastische daran ist, daß viele dieser Lockstoffe, die man weder bewußt riechen noch anders bewußt wahrnehmen kann, derart unter die Haut gehen. Es ist ein non-verbaler Vorgang. Auch wenn man oft nach Gründen sucht, oft kann man gar nicht begründen, warum ein Mensch einem sympathisch ist, ein anderer aber nicht. Wir haben bis jetzt nur Ansätze davon, was Pheromone für die Partnerschaft bedeuten können. Was bis jetzt angeboten wird ist in seiner Wirkung sehr fraglich, auch wenn es noch so teuer ist. Die Forschung ist noch nicht soweit, diese Stoffe gereinigt isolieren zu können.

Schönmayr: Deutschland ist das Land mit der größten Sexshopdichte der Welt? Worauf führen Sie das zurück?

Karatepe: Das dürfte an der sexuellen Unzufriedenheit liegen. Die Deutschen gehen öffentlich mit dieser Unzufriedenheit um. Die Amerikaner sind in der Öffentlichkeit viel prüder. In Deutschland ist man zwar so streng katholisch, aber intellektuell und nach außen sehr freiheitlich und tolerant. In Holland, Dänemark, Schweden ist die Schere im Kopf viel stumpfer.

Haydar Karatepe, Facharzt für Allgemeinmedizin, Frankfurt