Lust und Frust beim Sex

Ein Interview mit dem Guru des erotischen Fitnesstrainings Gerhard Eggetsberger über Lust und Frust beim Sex.

Fitness ist in, dabei wird aber meistens nicht an das Beckenbodenmuskeltraining gedacht. Dabei sollte der PC- Muskel besonders trainiert werden, da er für den Orgasmus von besonderer Bedeutung ist.
Der Wiener Biochemiker Gerhard Eggetsberger und Leiter des Instituts für angewandte Biokybernetik und Feedbackforschung in Wien hat die biologischen Vorgänge beim Sex erforscht. Er entwickelte Biofeedgeräte, die es erstmals möglich machen, Sexualenergie mess- und sichtbar zu machen.
Außerdem hat er mehrere Bücher zum Thema Sex verfasst, unter anderen „Power für Paare. Wie Sie mit dem PcE-Training Ihr gemeinsames Lust-Erleben steigern.“

Sab Schönmayr : Herr Eggetsberger, ist Selbstbefriedigung genau so gesund für den Körper wie Sex zu zweit?

Gerhard Eggetsberger: Nein, eigentlich nicht und ja, vielleicht schon. Nein, deshalb, weil Sex zu zweit natürlich noch eine psychologische Komponente hat, die durch Selbstbefriedigung nicht zu ersetzen ist. Aber an sich würde auch nichts gegen die Selbstbefriedigung sprechen, da hormonelle und auch Gehirnaufladungsabläufe stattfinden, die sehr wichtig für den Einzelnen sind.

Schönmayr: Rein körperlich hat also Selbstbefriedigung den gleichen Effekt wie Sex zu zweit?

Eggetsberger: Es ist nur fast das gleiche, da die energetische Aufladung, wenn sie diese Sache mit jemandem machen, den sie lieben oder begehren, höher ist, als wenn sie das einfach manuell durchführen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf, allein durch das Betrachten des anderen, durch die Erwartung und die Kommunikation können wir mehr Energie mobilisieren, als wenn wir allein dasitzen und Selbstbefriedigung betreiben. Der Auslöser fehlt. Man hat herausgefunden, dass der PC-Muskel schon schwingt, wenn ein Mann eine Frau nur sieht und umgekehrt. Ob sie ihm gefällt, spielt da noch gar keine Rolle. Das ist ein automatischer Reflex aus der Natur, ein Aufweckimpuls.

Schönmayr: Also ein rein visueller Impuls. Da würde also auch ein Bild genügen?

Eggetsberger: Ja, sogar wenn ein Mann ein Dreieck und zwei Punkte in einem Bild versteckt sieht, wird der PC-Muskel-Impuls ausgelöst. Bei den Frauen ist es ein bisschen komplizierter.

Schönmayr: Was halten Sie von Sextoys, Dildos, Vibratoren, Cockringen etc.?
Für ein PC-Muskeltraining ist ein Vibrator etwas sehr sinnvolles. Und wenn eine Frau eine PC-Muskel-Schwäche hat, sollte sie ihn gegen einen Widerstand trainieren und da ist ein Vibrator sogar etwas, wozu wir den Leuten raten. Wenn jemand über einen Vibrator Befriedigung erlangt, ist das auch gut. Man sollte aufhören im Bereich Sexualität über gut oder schlecht zu reden. Ich würde sagen, was jemanden gut tut, ist sinnvoll.

Schönmayr: Sollte es Sextoys nicht auf Krankenschein geben wie Zähne und Brillen?

Eggetsberger: Na ja, das würde ich etwas übertrieben finden, diese Dinge sind so billig, dass sich das jeder ohnehin leisten kann. Man muss es halt einfach im Versand bekommen, damit es auch jemand, der sich geniert, erhalten kann, ohne seelische Probleme zu kriegen. Am Land kann das schon schwierig sein.
Das Geld dürfte nicht das Problem sein, da kostet schon eine Flasche Sekt mehr – zum Trinken mein ich.

Schönmayr: Verwenden Sie selbst Dildos oder Analkugeln oder ähnliches Sexspielzeug?

Eggetsberger: Nein, ich bin ein Mann, vielleicht fehlt mir auch ein bisschen die Phantasie in der Richtung, aber ich würde es auch nicht schlecht finden. Wenn ich es wollte, würde ich es tun.

Schönmayr: Warum haben Sie das Buch „Was sie über Sex wissen sollten“ geschrieben, glauben Sie, dass die Menschen nach wie vor zu wenig informiert sind?

Eggetsberger: Ich wollte das eigentlich nicht schreiben, ich stieß durch Zufall darauf. Viele Leute, die bei uns Biofeedback-Training machten, berichteten, dass sich auch sexuell etwas verbessert hat. Ich recherchierte und stellte fest, dass viele Menschen sexuelle Probleme haben und dass sich noch nie jemand wirklich die Mühe machte, die Abläufe beim Sex im Gehirn zu untersuchen. Ich stellte fest, dass eine so einfache Methode wie das PC-Muskel-Training sehr viel bewirken kann und das wollte ich den Menschen nicht vorenthalten. So entstand dann das Buch.

Schönmayr: Was hat es mit dem PC-Muskel-Training auf sich?

Eggetsberger: Ohne einen starken PC-Muskel ist ein Orgasmus nicht möglich. Eine Schwäche dieses Muskels entsteht bei Frauen viel leichter als bei Männern. Vor allem nach der Geburt, weil das Baby diesen Bereich belastet, eine Folge unserer aufrechten Haltung, bei den Tieren liegt das Kind im Bauch und hängt nach unten. Die sexuellen Probleme nach einer Geburt sind meist rein auf eine Muskelschwäche zurückzuführen. In vier bis sechs Wochen Training kann das ganz einfach behoben werden. Hilft auch bei Harninkontinenz, da wo früher operiert wurde, kann das Problem durch Muskeltraining behoben werden. Unabhängig vom Alter kann der Muskel aufgebaut werden.

Schönmayr: Braucht man dazu eine ärztliche Anweisung?

Eggetsberger: Nein, es ist im Prinzip ganz einfach, sie müssen nur täglich zweimal 15 Minuten lang den Muskel zusammenziehen und entspannen, mindestens 100 Mal. Circa vier Wochen lang. In meinem Buch ist das alles genau beschrieben. Sie können diese Kontraktionen auch beim Fernsehen, im Büro oder in der U-Bahn ausführen, dazu ist keine besondere Konzentration nötig.

Schönmayr: Was bewirkt dieses Training genau?

Eggetsberger: Es kommt zu einer höheren Ausschüttung an Sexualhormonen im Gehirn, es kommt zu einer Aufladung des Gehirns, was sie konzentrierter und kreativer macht.

Die Reaktionsgeschwindigkeit wird höher, was wichtig für Sportler ist, die wir hier auch trainieren. Es ist also nicht nur sexuell wirksam, sondern allgemein energiesteigernd. Hilft auch bei leichten Depressionen.
Pfarrer sollten es auf jeden Fall machen, da Pfarrer und Nonnen, die höchste Krebsrate im gynäkologischen Bereich haben. Sie könnten durch dieses Training das System überlisten, wenn sie schon keinen Sex machen. Die Prostata vergrößert sich nämlich dann, wenn sie wenig zu tun hat.

Schönmayr: Wie erklären Sie sich, dass viele Frauen zu Beginn einer Partnerschaft mehr Lust auf Sex haben und dann zunehmend weniger als ihr männlicher Partner. Dies auch vor dem Hintergrund Ihrer Annahmen "wenig Interesse am Sex = schwaches Hirnfeld" - "wenig Sex = immer weniger Lust"?

Eggetsberger: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Mann und Frau. Frauen reagieren langsamer als der Mann, meistens. Beide sind sexuell erregter, wenn sie mit jemandem das erste Mal Sex haben. Warum machen manche Leute Sex mit Strapsen oder an verbotenen Orten? Sie machen es deswegen, weil Angst oder Aufregung zu einer Vorgehirnaufladung führt. Der Orgasmusimpuls braucht dann nur mehr weniger hoch zu sein. Wir brauchen eine gewisse Menge an Energie, um zum Orgasmus zu kommen. Wenn wir schon sehr viel haben, geht es dann schneller. Frauen finden es verständlicherweise nicht so toll, einem Mann Strapse anzuziehen. Der Mann ist einfach konstruiert. Die Frau ist intelligenter aufgebaut.

Schönmayr: Was kann man machen?

Eggetsberger: Sexuelle Lust flaut mit der Zeit ab. Vor allem werden die Männer mit der Zeit immer fauler, für ihn ist es ohnehin einfacher zum Orgasmus zu kommen. Man müsste ihn dazu bringen, etwas Abwechslung ins Sexleben zu bringen. Die Männer glauben aber meist, sie sind die besten und das was sie tun ist ohnehin das tollste überhaupt. Wenn die Frau nur vorsichtig andeutet, sie will was anderes, sind Männer schnell beleidigt. Sie können mit Kritik nur schwer umgehen. Frauen sind da viel flexibler. Wenn ihre Anregungen zu nichts führen, ist ein PC-Muskel-Training sinnvoll, weil dann sie selbst schneller zum Orgasmus kommt. Aber viele Frauen wissen mit sich selbst nichts anzufangen, sie müssten mit sich selbst herum experimentieren, um dem Mann überhaupt sagen zu können, was ihnen guttut.

Schönmayr: Neue Männer braucht das Land?

Eggetsberger: Ja, da muss ich leider eine Rüge an die Männer erteilen. Für eine Frau kann es manchmal besser sein, sich selbst zu befriedigen, als einen Mann so unvirtuos herummachen zu lassen. Wir haben eine Umfrage gemacht und festgestellt, dass die Männer zu 50 Prozent keine Ahnung von der Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane haben. Die wissen nicht, wo was liegt. Da arbeitet und werkt so einer an der Frau rum und hat keine Ahnung, was er tut. Solche Männer sollten weniger Pornohefte angucken und dafür mal ein Biologiebuch zur Hand nehmen. Frauen müssten aufstehen und sagen, du rubbelst einfach an mir rum, könntest du nicht mal was anderes machen.

Schönmayr: Es wird immer mehr über Sex geredet und immer weniger Sex gemacht. Warum ist das ihrer Meinung so?

Eggetsberger: Es heißt, wenn es mit dem Sex klappt, nimmt er zehn Prozent unseres Lebens ein, wenn es nicht klappt, 90 Prozent. Das stimmt auch. Es wird viel geredet, aber es ist nicht besser geworden. Dazu kommt eine Sache: wir leben in einer freizügigen Zeit und das hat auch einen Nachteil, wir sind total überreizt und übersättigt. Früher hat eine relativ geringe Erregung gereicht, um zum Orgasmus zu kommen, heute muss die Erregung um mindestens das doppelte höher sein als in den 20iger Jahren. Damals hat schon ein Knie genügt

Schönmayr: Wenn man die Sexsendungen im Fernsehen anschau, hat man das Gefühl, dass die Deutschen ein Volk von Fesslern und Peitschern sind. Ist es tatsächlich so oder ist das eine Erfindung der Medien, wie schätzen Sie das ein?

Eggetsberger: Das ist ein Trend der Zeit, berührungsloser Sex, der uns noch dazu einen Schutzgummi erspart. Aber das Schlagen und Fesseln ist nichts neues, die alten Römer wandten diese Methoden auch an, um sich einen Kick zu holen. Eine übersättigte Gesellschaft wie die unsere und eben auch die des alten Roms, braucht mehr Impulse, um zum Orgasmus zu kommen. Außerdem ist der körperliche Effekt der gleiche, ob sie nun Angst, Stress oder Sex haben. Der Puls steigt, die Atmung wird schneller etc. Insgesamt glaube ich aber schon, dass das Fernsehen sehr manipulativ ist, einmal heißt es alle Leute sind nur noch Swinger oder jeder braucht einen Cockring, derzeit ist eben Peitschen angesagt, aber auch das wird vorübergehen.
In ein paar Jahren redet niemand mehr darüber, da macht man dann vielleicht meditativen Sex, oder was weiß ich.

Schönmayr: Sie bieten in ihrem Buch auch spezielle aphrodisierende Essenzen an. Welchen Stellenwert hat der Duft beim Sex?

Eggetsberger: Geruchstoffe oder ätherische Öle überwinden die Gehirnschranke und wirken wie ein pharmakologisches Produkt. So ein Mittel kann also auch aufputschend wirken und den Orgasmus beschleunigen. Wir haben auch mit Pheromonen (Sexualduftstoffen) experimentiert und es ist natürlich absoluter Quatsch, was da manche Leute für Wirkungen versprechen. Es ist Unfug sich vorzustellen, dass alle Frauen hinter dem Mann her sind, der Pheromone aufgetragen hat, wenn er häßlich ist, hilft das gar nichts. Es verursacht nur einen Zusatzeffekt, wenn die Frau ohnehin schon Interesse für ihn hat, besonders dann wenn sie kurz vor dem Eisprung steht, da wird nämlich der Geruchssinn um das 100fache verstärkt.

Schönmayr: Also kann man die ganzen Duftwässerchen aus dem Sexshop vergessen?

Eggetsberger: Nein, der Geruchssinn ist deswegen so wichtig beim Sex, weil er unseren logischen Verstand überwindet und direkt ins Hirn geht und daher einen Reiz setzen kann. Wenn Sie jetzt zum Beispiel ein paar Tropfen Rosmarinessenz in Ihr Parfum reingeben würden und sich zu einem Mann hinstellen, der Ihnen gefällt und der auch aufmerksam auf Sie ist, dann wird er wahrscheinlich leichter zu umgarnen sein.

Schönmayr: Herr Eggetsberger ich danke Ihnen für das Gespräch.

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